Beidseits des Inn: Berge zwischen Innsbruck und Jenbach

Welche sind die mächtigsten Berge rund um das Städtchen Hall in Tirol? Wie schneiden die Berge der Tuxer Alpen und des Karwendels in den dafür einschlägigen Merkmalen Höhe, Prominenz und Isolation/Dominanz ab? Sollten weitere Merkmale berücksichtigt werden? Welche Rolle spielen in den vorgestellten Ranglisten die beiden Berge, die den Titel des Mitteilungsblättchens der Sektion bilden: Glungezer & Geier? Diesen Fragen gehe ich als Mitglied der ÖAV-Sektion Hall nach.

Meine Mitgliedschaft in der Alpenvereinssektion Hall in Tirol verdanke ich einer spontanen Laune an einem langen und regnerischen Hüttenabend auf der Glungezer-Hütte, gut 2000 Meter oberhalb des Städtchens Hall im Inntal. Endlich besser versichert durch die Berge kraxeln, den einen oder anderen Vorzug auf den Hütten genießen und schließlich auch die Infrastruktur für Hütten und Wege unterstützen, das sollte doch eine Jahresgebühr wert sein. Mein Entschluss zum Vereinsbeitritt traf auf die freundliche Aufnahmebereitschaft des Hüttenwirts Gottfried Wieser. Seither bin ich als Bonner „Piefke“ zahlendes Mitglied des ÖAV. Die Gegend liegt mir seit vielen Jahren am Herzen, und mit diesem Beitrag würdige ich die Bergwelt der Sektion mit einer kleinen Vorstellung ihrer morphologischen Höhepunkte.

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Jener Tag, an dem ich mich für die ÖAV-Sektion Hall entschied …

Die Gebirgsgruppen beidseits der tief eingeschnittenen Inntalfurche zwischen Innsbruck und Jenbach könnten gegensätzlicher nicht sein: auf der einen Seite die steil aufragenden und zerklüfteten Karwendelspitzen – der Sonne zugewandt, auf der Schattenseite die sanfteren Erhebungen der Zentralalpen, die hier den wenig vorteilhaften Namen „Tuxer Voralpen“ tragen, obwohl sie durchweg Höhen von 2600 m übersteigen. Das Gebiet ist ein wunderbares Experimentierfeld für die Eignung von geografischen Kennzahlen, mit denen Berge klassifiziert werden können. Hierzu stelle ich jeweils die Top 10 der höchsten, isoliertesten und prominentesten Berge vor. Dabei zeigt sich: Um die wahren Unterschiede ans Licht zu heben, bedarf es einer komplexeren Modellierung, wie sie zum Beispiel mit der Bergwertung vorliegt.

KarteDas Untersuchungsgebiet des Beitrags sind die zum Inntal entwässernden Gebiete zwischen Innsbruck und Jenbach, also das Karwendel vom Solstein im Westen bis zum Stanser Joch im Osten sowie die Tuxer Voralpen vom Patscherkofel zur Kellerjochgruppe. Es umfasst alle Seitenkämme und wird begrenzt durch die Wasserscheiden zum Karwendeltal, zum Achensee, zum Zillertal und zum Wipptal. Kartengrundlage: Google Maps

Beginnen wir mit den Top 10 der jeweils höchsten Berge:

Karwendel  m Tuxer Voralpen  m
Großer Bettelwurf 2726 Lizumer Reckner 2886
Großer Lafatscher 2696 Geier 2857
Roßkopf 2670 Lizumer Sonnenspitze 2831
Hintere Bachofenspitze 2668 Kalkwand 2826
Grubenkarspitze 2663 Rosenjoch 2796
Vordere Bachofenspitze 2663 Grünbergspitze 2790
Kleiner Bettelwurf 2650 Torwand 2768
Kleiner Solstein 2637 Rastkogel 2762
Kleiner Lafatscher 2636 Tarntaler Köpfe 2757
Brantlspitze 2626 Malgrübler 2749

Hier liegen die Tuxer klar vorne. Alle zehn höchsten Gipfel sind höher als der höchste Karwendelberg der Region, der Bettelwurf. Aber sind sie auch gemessen an anderen Indikatoren die bedeutenderen Berge?
Unter „Isolation“ (oder auch „Dominanz“) verstehen Geografen die Entfernung zum nächst höheren Punkt. Je weiter Berge von anderen weg stehen, umso isolierter und bedeutender erscheinen sie. Der Dominanzcheck ergibt ein überwiegend ausgewogenes Bild:

Karwendel  km Tuxer Voralpen  km
Großer Bettelwurf 8,3 Rastkogel 8,3
Kleiner Solstein 8,0 Lizumer Reckner 8,0
Großer Lafatscher 4,9 Rosenjoch 7,2
Hochnissl 3,6 Hirzer 5,9
Grubenkarspitze 3,4 Gilfert 5,4
Eiskarlspitze 2,8 Kellerjoch 5,3
Rappenspitze 2,3 Malgrübler 4,0
Kemacher 2,1 Patscherkofel 2,8
Brantlspitze 2,0 Kalkwand 2,3
Rauer Knöll 1,9 Torspitze 2,0

In beiden Gebirgszügen liegen die Werte bei den Top 10 der isoliertesten Berge zwischen gut acht und etwa zwei Kilometern. Wir finden in den Tabellen ganz andere Bergnamen als in der Liste der höchsten Berge – zum Beispiel den Patscherkofel als Hausberg von Innsbruck oder die Rappenspitze im östlichsten Karwendelzipfel zum Achensee hin. In den Tuxer Bergen gibt es immerhin sieben Berge mit vier oder mehr Kilometern Dominanz. In den Karwendelbergen der Region sind es nur drei. Hier spiegelt sich die relative Weitläufigkeit der Tuxer Voralpen.

Ein weiterer Zugang zur geografischen Bedeutung von Bergen kann über die sogenannte Schartentiefe erfolgen. Das meint den Höhenunterschied, den ich von einem Berg mindestens hinuntergehen muss, um auf einen höheren Punkt zu gelangen. Man gibt die Schartentiefe als Maßzahl der Prominenz oder Eigenständigkeit von Bergen an. Unterscheiden sich die Berge links und rechts des Inn in Sachen Eigenständigkeit?

Karwendel  m Tuxer Voralpen  m
Großer Bettelwurf 814 Kellerjoch 669
Großer Lafatscher 615 Lizumer Reckner 548
Kleiner Solstein 516 Rastkogel 470
Hochnissl 367 Rosenjoch 466
Rauer Knöll 325 Hirzer 433
Rappenspitze 313 Kalkwand 342
Rumer Spitze 296 Torspitze 277
Eiskarlspitze 280 Malgrübler 270
Kemacher 280 Gilfert 256
Brantlspitze 276 Patscherkofel 211

Das Niveau der Prominenzwerte ist im Karwendel erkennbar höher als in den Tuxer Bergen. So finden wir hier drei Gipfel mit mehr als 500 Metern Prominenz. Mit über 800 Metern Schartentiefe nimmt der Bettelwurf hier wiederum die Spitzenposition ein, wie schon bei Höhe und Isolation. In den Tuxer Alpen führt ein Berg die Prominenztabelle an, der weit weg der höchsten Gipfel eine bedeutende, weil weit vorgelagerte Erscheinung darstellt, das Kellerjoch bei Schwaz. Nur ein weiterer Berg verfügt über mehr als 500 Meter Prominenz. Bei Platz 10 werden noch 211 Meter Eigenständigkeit erreicht, während im Karwendel Platz 10 immerhin noch über 276 Meter Schartentiefe verfügt. Kurzum: Die Karwendelberge der Region sind etwas selbstständiger als ihr Tuxer Gegenüber, obwohl das Kalkgebirge als Kettengebirge eigentlich wenig Potenzial für eigenständige Berge hat.

Den eigentlichen morphologischen Unterschieden zwischen den Bergen links und rechts des Inn kommt man mit den bisherigen Maßzahlen noch nicht gut auf die Spur. Das Bild ist insbesondere bei den Tuxer Bergen einigermaßen widersprüchlich. Auf Platz 1 befinden sich je nach betrachtetem Merkmal der Lizumer Reckner, der Rastkogel bzw. das Kellerjoch. Anders in den Karwendelbergen: Hier führt der Bettelwurf in jeder der Kategorien.

Weder Höhe, noch Prominenz noch Isolation allein sagen viel über die Mächtigkeit von Bergen aus. Eher schon geht es um die Verknüpfung aller drei Merkmale und um die Anreicherung um weitere Aspekte. Mit dem Verfahren der Bergwertung gelingt dies. Alle genannten Parameter fließen hier ein, dazu auch das Verhältnis der Berge zur näheren und ferneren Gipfelflur. Was das betrifft, so haben die Tuxer Berge einen Nachteil: sie werden durch die Olperergruppe im Süden erkennbar überragt – in dieser Hinsicht ist der Name „Voralpen“ dann vielleicht doch nachvollziehbar. Der ganz offensichtliche Unterschied zwischen den Gebirgsgruppen dürfte aber in ihrer Schroffheit bestehen. In dieser Hinsicht haben die Karwendelberge eindeutig die Nase vorn. Sie verfügen über erheblich ausgeprägteres Relief. Das entsprechend auf eine einzelne Punktzahl verdichtete Ergebnis zeigen die Top 10 nach der Bergwertung.

Karwendel  Punkte Tuxer Voralpen  Punkte
Großer Bettelwurf 3633 Lizumer Reckner 2639
Großer Lafatscher 3168 Rosenjoch 2518
Kleiner Solstein 2926 Hirzer 2516
Hochnissl 2911 Kalkwand 2490
Eiskarlspitze 2841 Malgrübler 2477
Brantlspitze 2836 Rastkogel 2367
Grubenkarspitze 2805 Kellerjoch 2248
Speckkarspitze 2607 Torspitze 2173
Rumer Spitze 2534 Gilfert 2120
Lamsenspitze 2529 Hippoltspitze 1991

Die Punktzahlen der beiden Gebirgsgruppen unterscheiden sich ganz erheblich. Das Niveau innerhalb der Karwendel-Top-10 liegt um etwa 500 bis 1.000 Punkte höher als in den Tuxer Voralpen. Der Große Bettelwurf, der in allen hier betrachteten Kategorien bereits vorne lag, punktet besonders in Sachen Relief und sichert sich somit unangefochten den Spitzenplatz. Während alle Berge der Karwendel-Top-10 mehr als 2500 Punkte haben, erreichen dies in den Tuxer Top 10 nur drei. Die Punktzahl von Platz 1 der Tuxer (Lizumer Reckner) entspricht etwa Rang 8 des Karwendels. Der Reckner ist dabei der einzige Berg, der es überhaupt in die gemeinsame Top 10 beider Gebirge schafft.

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Höchster Tuxer und doch nur der einzige in der Top 10 der Region: Lizumer Reckner

Auf die Plätze 10 beider Ranglisten schaffen es Berge, die in keiner der zuvor präsentierten Listen (zu Höhe, Isolation und Prominenz) aufgetaucht waren: Lamsenspitze und Hippoltspitze. Beide punkten durch Relief und Zugehörigkeit zur regionalen Gipfelflur.

Schließlich lohnt noch ein Blick auf die Plätze 11 beider Regionen: Im Karwendel gelangt auf diesen Platz die Hohe Fürleg, das Osteck des Bettelwurfkamms, und damit der Berg mit dem ausgeprägtesten Relief der gesamten Region – trotz geringer Eigenständigkeit und Isolation. In den Tuxer Bergen landet auf Platz 11 der Glungezer, eine Erhebung, die ganz im touristischen Interesse der Sektion Hall steht. Für eine höhere Platzierung sind bei ihm Eigenständigkeit (50 m) und Isolation (1,0 km) ebenso zu gering ausgeprägt wie sein Relief. Er ist nicht mehr und nicht weniger als der Eckpunkt eines mächtigen Kamms, dessen Punkte nach der Bergwertung am ehesten dem Rosenjoch zustehen. Egal, dank seiner gipfelnahen Hütte ist und bleibt der Glungezer das klassische Tourenziel für die Übernachtung am Berg. Und was ist mit dem Geier, dem anderen der beiden Berge, die im Titel des Mitteilungsblättchens der Sektion auftaucht? Er liegt in der Rangliste nach der Bergwertung mit 1937 Punkten knapp hinter dem Glungezer. Auch er verdankt seine Bekanntheit wohl weniger seiner Morphologie, sondern der Schönheit der Tour auf seinen Gipfel.

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